Butch // Eyes Wide Open

Die Augen, nicht die Ohren zu oeffnen, um zu hoeren, was es zu sehen gibt -- eines der vielen Paradoxe, die der in Mainz ansaessige Butch gekonnt zu vereinen weiss. Die Dualitaet seiner Sounds, die zwischen Under und Over, Techno und House, Spiritualitaet und Marketability, Club und Homestereo, hin- und heroszillieren, einzufangen, um das alltaegliche High zu feiern und gleichzeitig gekonnt zu hinterfragen, ist nur eine der vielen Talente und Spezialitaeten des DJs und Produzenten, dessen Licht aus dem Orient scheint und dessen Zukunft im Jenseits liegt.

Dieses und vieles mehr ist der Ausgangspunkt fuer ein grandioses Zweitalbum, das Buelent Guerler, nun stolz und voller Spannung auf seinem eigenen Imprint bouq. praesentiert. Die hofierende Protektion seines Mayorlabels Great Stuff hinter sich lassend, um seine kreativen Fluegel zu spreizen und frei wie ein Vogel um die Welt zu fliegen, zeigt der Mainzer sich (selbst-)bewusster und eigenstaendiger denn je von seiner multifacettiertesten Feierseite.

Quadratisch inspiriert taucht er in die Vielfaeltigkeit von 1009 Naechten und holt sich neben einigen bekannten Kolaborateurinnen wie der klassischen House-Saengerin Virginia auch eine Neuentdeckung ins Studio: die Violinistin Julie Marghilano, die er in London kennengelernt hat und die eines der bezauberndsten Stuecke des Albums, “Feline”, mit ihren saitenschwingenden Kuensten zu einem wahren Meisterwerk werden laesst.

Doch Augen auf: wenn man jenseits der Offensichtlichkeit von gefaelligen Klaengen ins Kleingedruckte des Albums eintaucht, findet sich eine magische Detailfreudigkeit, die den dicht gewebten Klangteppich zu einem Zaubertrip macht.

Die Tragik des Lebens mit Humor zu nehmen ist eine der grossen Talente von Buerlent Guerler, und so schafft er es, den Hoerer beziehungsweise Seher des Albums mit den groessten zeitgeistigen Fehlschlaegen unserer materialistischen Welt zum Laecheln zu bringen. Oder gar zum Lachen. So findet man neben einem sehr deepen Intro, das dank Malcolm Xs bewegenden Worten Hoffnung auf eine andere Welt macht, auch ein Outro, hinter dem sich eine bewegende Geschichte verbirgt.

Einem bettelnden Strassenkind in die Augen blickend eroeffneten sich dem bisweilen kaprizoesen Buelent neue Dimensionen, die Dinge anders zu sehen. Die Random-Begegnung katapultierte ihn auf andere Bewusstseinseben und praegt bis heute: Das goettliche Laecheln des kleinen Maedchens spiegelt sich fuer ihn in jeder gluecklichen Person wider, die ihm nahesteht, und lieferte ihm Anlass, einen Track abzuliefern, der seine Hoerer/Seher an dieser Transformation teilhaben laesst.

Eine Transformation der anderen Art ging auch in George Dubbya Bush vor, was vielen entgangen sein duerte. Zum Glueck war Butch praesent und fing einige bewegende Worte ein, die um die Welt gingen; “Iraker, geht nach Hause und sterbt” ... Ja, hier spricht die Stimme des Boesen frei nach dem Motto: “If it feels good, do it!” Feine Ironie mit Soundtrickserei zu paaren und daraus subversive Messages zu basteln: Fuer Butch eine kleine Spielerei, fuer den Hoerer eine Ebene mehr, mit der man sich auseinandersetzen kann oder auch nicht. Die Mehrzahl ziehe das ‘Nicht’ vor, moniert Butch, “die interessiert doch ueberhaupt nichts, die sind schon so abgestumpft. Ein kurze Filmsequenz, de die Exekution eines Studenten auf offener Strasse zeigt, die um die Welt ging, war zuguterletzt ausschlagebend, den Vietnamkrieg zu beenden.”

Butch hat sein Bestes getan, sich kuenstlerisch auszutoben, die Interpretation ueberlaesst er den Menschen mit den offenen Augen. “Die sind mein liebstes Publikum.‘Eyes Wide Open’ ist ein Wochenendalbum,” fuegt Buelent hinzu: “Nachdem man die Woche über so vom Leben gefickt wird, sollte man am Wochenende Spass haben -- nur sollte man wissen, dass es Menschen gibt, die noch härter gefickt werden, aber kein Wochenende zum Ausgleich haben. Ab und zu sollte man sich für diese Menschen einsetzen.”